Annette Meyer
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Erinnern25. Oktober 2026 · 6 Min.

Erinnern ist eine Form von Liebe: Gedanken zu Allerheiligen und Allerseelen

Im November bekommt das Erinnern einen eigenen Raum. Über Trauer, die Zeit braucht, über Erinnerung als Licht — und über den Hoffnungsschimmer, der darin liegen kann.

Ein brennendes Grablicht in einer bronzenen Laterne, ringsum Buchsbaum mit Raureif

„Er segne deinen Schmerz über das Verlorene und lasse ihn zum Dank werden für das, was er dir einmal schenkte.“

— Wilma Klevinghaus, aus dem Segenswunsch „Gott walte über deiner Trauer“ (vollständiger Text bei der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft)

Rund um Allerheiligen und Allerseelen zünden viele Menschen Kerzen an. Sie stehen an Gräbern, in Kirchen oder still zu Hause vor einem Foto — und erinnern sich an Menschen, die ihnen fehlen. Draußen werden die Tage kürzer, das Licht wird knapper. Und gerade jetzt bekommt das Erinnern einen eigenen Raum.

Der Segenswunsch von Wilma Klevinghaus, aus dem diese Zeile stammt, berührt mich jedes Mal neu. Er nimmt der Trauer nichts weg. Er verspricht nicht, dass der Schmerz vergeht. Er hofft auf etwas Leiseres: dass aus dem Schmerz über das Verlorene mit der Zeit Dank werden darf — für das, was ein Mensch uns geschenkt hat.

Trauer gehört zum Leben

Trauer ist die Form, die die Liebe annimmt, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Sie folgt keinem Zeitplan. Sie kommt in Wellen, manchmal noch Jahre später — ausgelöst durch einen Duft, ein Lied, einen Jahrestag.

Der Segen bittet darum, dass die Trauer das eigene Leben nicht zerstöre — nicht darum, dass sie verschwindet. Darin liegt für mich die große Erlaubnis: Trauer gehört zu unserem Leben dazu. Sie ist Teil unseres Lebens.

Erinnern ist eine Form von Liebe

In meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Hospizbewegung erlebe ich immer wieder, wie Angehörige erinnern. Sie erzählen von Gewohnheiten, von einem bestimmten Lachen, von Sätzen, die sie nie vergessen werden. In diesen Erzählungen wird oft mehr Liebe sichtbar als in jedem großen Wort. Erinnern heißt dann nicht, an der Vergangenheit festzuhalten. Es heißt, eine Beziehung weiterzutragen — auf andere Weise.

Was wir erinnern, bleibt ein Teil von uns. Und manchmal wird gerade im Erinnern spürbar, wie reich wir beschenkt wurden.

Wenn Erinnerung zum Licht wird

Im Segenswunsch heißt es weiter, die Erinnerung an gute Stunden möge zu einem Licht in der Trauer werden. Für mich ist das ein tröstliches Bild für den November. Eine Kerze macht die Dunkelheit nicht weg. Aber sie gibt ihr eine Mitte — einen Ort, an dem man verweilen kann.

Rituale können dabei helfen: eine Kerze am Abend, ein Spaziergang zu einem Ort, der mit einem Menschen verbunden ist, ein Brief, der nie abgeschickt wird, ein Lieblingsessen, das man in Erinnerung kocht. Sie geben dem Unsagbaren eine Form — und dem Trauern einen Platz im Alltag.

Drei Fragen für die Novemberwochen

Vielleicht mögen Sie sich in den kommenden Wochen einen stillen Moment nehmen. Diese Fragen können Sie dabei begleiten:

  • Wen trage ich in meinem Herzen? Welche Menschen möchte ich in diesen Wochen bewusst erinnern?
  • Was hat mir dieser Mensch geschenkt? Welche Haltung, welche Worte, welche Momente wirken bis heute in mir weiter?
  • Welche Form passt zu meinem Erinnern? Eine Kerze, ein Ort, ein Gespräch — oder einfach Stille?
Sonnenlicht fällt durch hohe Bäume auf einen leuchtend roten Fächerahorn auf einem herbstlichen Friedhof

Ein Hoffnungsschimmer

Dieses Bild habe ich an einem sonnigen Herbsttag auf einem Friedhof aufgenommen. Die Sonne fiel durch die hohen Bäume auf einen kleinen Ahorn, und er leuchtete so rot, als hätte er alles Licht des Tages in sich gesammelt. Mitten zwischen den Gräbern stand da ein Bild für das, was Trauer manchmal schenkt: einen Hoffnungsschimmer.

Trauer braucht Zeit. Sie lässt sich nicht abkürzen und nicht überspringen, und niemand kann sie einem anderen abnehmen. Und doch gibt es mitten in ihr Momente, in denen etwas aufleuchtet: ein Lachen beim Erzählen von früher, ein Gefühl von Nähe an einem vertrauten Ort, eine stille Dankbarkeit, die plötzlich da ist. Solche Momente heben den Schmerz nicht auf. Aber sie lassen spüren, dass sich auch in der Trauer Lebendigkeit zeigt.

Hoffnung bedeutet in der Trauer nicht, dass alles wieder wird wie vorher. Das wird es nicht. Hoffnung heißt eher, darauf vertrauen zu dürfen, dass sich der Schmerz mit der Zeit verwandelt. Dass aus dem Verlust eine Verbundenheit wachsen kann, die bleibt. Und dass wir das, was ein Mensch uns geschenkt hat, weitertragen — in unserer Art zu lieben, zu hoffen und anderen zu begegnen.

Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Wilma Klevinghaus von der Erinnerung als Licht spricht: kein Licht, das die Dunkelheit vertreibt, sondern ein Hoffnungsschimmer, der uns den nächsten Schritt gehen lässt.

Manchmal braucht Trauer auch ein Gegenüber. Wenn Sie spüren, dass ein Verlust Sie beruflich oder persönlich mehr beschäftigt, als Sie es allein tragen möchten, begleite ich Sie gern in einem geschützten Raum. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch können wir in Ruhe schauen, was Sie gerade brauchen.

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Annette Meyer
Zertifizierte Supervisorin · Coachin (EASC)